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Vessin



Die Landgemeinde Vessin an der östlichen Grenze des Stadtkreises war ein Gutsdorf - ohne jeden bäuerlichen Besitz. Sie bestand aus einem Wiesertal südlich des Dorfes, den Wiesen des Grenzbruches und vor allen aus Ackerland. Über die nahe Lauenburger Chaussee (Reichsstraße 2) führte der Weg in die Kreisstadt Stolp.

Einige Angaben über die Gemeinde Vessin aus der Zeit vor 1945 in Kurzform:

Zugehörige Ortsteile (1): Vessin, Vorwerk

Gemeindefläche in ha 871
Wohnbevölkerung am 17.Mai 1939 296
Zahl der Haushaltungen 59
Zahl der Wohnhäuser 1925 27
Amtsbezirk Reitz
Standesamtsbezirk Reitz
Gendarmeriebezirk Ritzow
Amtsgerichtsbezirk Stolp
Gemeindevorsteher 1931 Rittergutsbesitzer von Goerne
Bürgermeister 1937 Rittergutsbesitzer Wolfram von Goerne
Nächste Bahnstation Jeseritz
Entfernung 6 km
Bahnlinie Stettin - Groß Boschpol - Danzig (Reichsbahn)
Postamt Stolp
Letzte postalische Anschrift Vessin Post Stolp (Pom.)

Der historischen Dorfform nach ist Vessin ein kleines Gassendorf. Es wird erstmals im Jahre 1284 in einer Urkunde genannt. Mestwin II. verlieh darin Peter, Glabunas Sohn, unter anderem halb Vessin - in Slupsco dimidium Vesino cum suis terminis. Vessin und Reitz waren Lehen der von Woyten, dann der von Somnitz und von Krockow. Die Hufen-Klassifikation von 1717 enthält die Eintragung:

Besitzer: 1. Peter Benedict von Collrepp, 2. Seel. Friederich Wilhelm von Woyten Erben, Seel. Capt. Barth. Rüdiger von Colrepen Wittwe. Bauer: à 1 Lh.: Martin Zitzke. Cossäthen: 1. Hanß Zitzke, 2. Jacob Wegner, 3. Jürgen Mielcke, 4. Paul Holtz, 5. Marten Batz.

Als weiterer Besitzer wird der Oberst Friedrich Asmuß von Bandemer genannt. 1781 wurden Vessin und Reitz an den Major Georg Ludwig von Katzler verkauft. Vessin hatte damals zwei Vorwerke, einen Prediger, einen Küster, zwei Bauern, einen Halbbauern, vier Kossäten, das innerhalb der Gemarkung auf einem Berg zwischen fruchtbaren Äckern, Wiesen und Holzungen gelegene Müsse, eine Wassermühle und insgesamt 22 Feuerstellen. Bei der Separation kam es in Vessin zum "Kirchenstreit". Im Jahre 1812 hatte die Separation nur den Pfarracker betroffen, während Wiesen und Weide in Gemeinschaft mit dem Gut verblieben waren. Als die Pfarre nun auch die Separation der Wiesen und Weide beantragte, entstand ein jahrelang mit großer Erbitterung geführter Streit. Prediger Trapp berichtet, daß von seiten der Pfarre erklärt wurde, "keinen Termin mehr zu besuchen ohne Bedeckung von Gendarmen". Vessin gehörte damals Friedrich Wilhelm Arnold, dem Bürgermeister der Stadt Stolp in den Jahren 1827 bis 1846, und fiel dann an seinen Sohn. Die letzten Besitzer waren laut Güteradreßbuch 1884 Mach auf Groß Strellin, 1910 Major von Goerne, 1924 Frau

Martha von Goerne und bis 1945 Wolfram von Goerne. Im Jahre 1938 hatte das Rittergut eine Betriebsfläche von 875 ha. Diese setzte sich zusammen aus 651 ha Ackerland, 39 ha Wiesen, 56 ha Weiden, 82 ha Holzungen, 22 ha Unland, Hofraum und Wege und 4 ha Wasserflächen. Der Viehbestand belief sich auf 65 Pferde, 220 Stück Rindvieh und 300 Schweine. Außer dem Gut gab es in Vessin nur noch zwei landwirtschaftliche Betriebe mit einer Betriebsfläche von weniger als 5 ha. Vessin war also bis zuletzt ein reines Gutsdorf. Der durchschnittliche Grundsteuerreinertrag auf ein Hektar lag mit 10,65 RM doppelt so hoch wie der Kreisdurchschnitt (5,95 RM).

Von schönen alten Bäumen umgeben erhob sich die malerische kleine Kirche auf dem Friedhof des Ortes. Die Fundamente waren aus Feldstein, die Mauern aus Ziegel in gotischem Verbände. Der massige Turm hatte an der Westseite den Eingang, an beiden Seitenwänden je vier lange Spitzbogenblenden und ein Satteldach. "Es ist ein Werk von blockhafter Schwere auf quadratischem Grundriß gradwandig aufsteigend, viel zu schwer und massig für das Kirchlein, das es fast erdrückt. Der Turm von Vessin ist in gotischer Zeit erbaut, aber so ungotisch wie nur möglich. Wir spüren die Nähe von schweren Befestigungstürmen, aber nichts vom Geiste der Gotik" (H. Schulz). Er erinnerte damit an die Festungsarchitektur des Turmes der Stolper Marienkirche und des Neuen Tores. Der Grundriß der Kirche war einfach: An den Westturm schloß sich das Schiff als rechtwinkliger Raum ohne besonderen Chorbau an. Die viereckigen Fensteröffnungen sind offenbar erst im vergangenen Jahrhundert vergrößert worden. Der Ostgiebel hatte neben zwei Fensteröffnungen Rundblenden als Flächenschmuck und über einem Putzfries im oberen Dreieck einfache Langblenden. Das Innere war mit einer flachen Holzdecke versehen. Vom Turm aus betrat man durch eine Rundbogenöffnung das Kirchenschiff. Der Altar mit barockem Aufbau zeigte in den Seitenstücken Porträts von Geistlichen des 17. Jahrhunderts. Die Kanzel mit Wandtäfelung und Schalldeckel entsprach der Architektur des Altars und gehörte wie dieser in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Ein Kruzifix mit Kreuz aus Holz zierte das Kircheninnere. Zahlreich waren die farbigen Scheiben in der Fensterverglasung, die meist Wappen der Massow, Bandemer, Wodtke, Collrepp darstellten. Eine andere Scheibe zeigte das Gemälde "Jacob und der Engel" und enthielt die Aufschrift "Jacob Willer 1649". In die Amtszeit des Predigers Trapp von 1840 bis 1889 fällt der Neubau eines massiven Pfarrhauses im Jahre 1860 anstelle des alten zweistöckigen Fachwerkgebäu­des. Die Kirchenglocken blieben der Gemeinde im Ersten Weltkrieg erhalten.

Vessin hatte 1364 einen Pfarrer Heinrich und 1539 den Pfarrer Martin Bildermacher, der wohl der erste lutherische Prediger gewesen ist. Von großem Einfluß auf das innere Leben der Gemeinde wurde die von Pastor Cyrus im Jahre 1901 ins Werk gesetzte Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung, so daß eine Gemeinschaftsgruppe, ein Jugendbund und ein Blaukreuzverein entstanden, "die von Pastor und Kirchschullehrer mit großer Liebe zur Sache geleitet wurden". In den letzten hundert Jahren vor der Vertreibung haben in Vessin als Pastoren gewirkt:

August Ferdinand Trapp 1840-1889
Max Eduard Cyrus 1889-1925
Wilhelm Kühl 1925-1929
Martin Reinke (von Stolp aus) 1930-1945

Das Kirchspiel Vessin hatte 1940 drei eingepfarrte Ortschaften und insgesamt 876 Gemeindemitglieder. Eingepfarrt waren Reitz (mit Neiderzin), Vilgelow (ohne Papritzfelde) und Warbelow. Das Patronat übten der Rittergutsbesitzer Goerne-Vessin und der Rittergutsbesitzer Arnold-Reitz mit je einer Stimme aus. Vessin gehörte als Kirchspiel zum Kirchenkreis Stolp-Stadt. Alle Dorfbewohner von Vessin waren evangelisch.

Die Volksschule in Vessin war einstufig. Im Jahre 1932 unterrichtete hier ein Lehrer 48 Schulkinder. Auch ein Teil der Kinder aus Vilgelow besuchte die Schule in Vessin. Als Lehrer war hier Hans Schröder tätig. Vessin wurde am 8. März 1945 von den Russen besetzt. Zu einer Räumungsanordnung kam es nicht mehr. Etwa 500 Flüchtlinge aus Ost- und Westpreußen blieben im Ort zurück. Ein ostpreußischer Flüchtling, bei dem ein Rundfunkgerät gefunden wurde, das er abliefern sollte, wurde erschossen. Den Hofmeister Max Krüger, der für das Auslaufen von 12000 Liter Spiritus verantwortlich sein sollte, töteten die Russen durch Genickschuß. Im Juni 1945 bemächtigten sich die Polen des Dorfes. Die Schule und das Pfarrhaus mußten geräumt werden. Die Bewohner wurden über die Oder nach Mittel- und Westdeutschland deportiert. Im Jahre 1957 sollen in Vessin von etwa 150 bis 200 Bewohnern nur rund 20 Polen gewesen sein. Für die Kinder zurückgebliebener Familien gab es von 1951/52 ab für etwa fünf Jahre eine deutsche Schule. Alle zwei Wochen wurde über viele Jahre hinweg in der Kirche evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache gehalten. Die Heimatortskartei Pommern hat später 152 Dorfbewohner in der Bundesrepublik Deutschland und 70 in der DDR ermittelt. Aus Vessin wurde Wieszyno.

Kriegs- und Verlreibungsverluste: 25 Gefallene, 22 Ziviltote und 22 Vermißte ("ungeklärte Fälle").

Literatur

PIl. UB Nr. 374 = PUB II Nr. 1313
P. Sch. Aus der 100jährigen Chronik von Vessin. In: Ostpommersche Heimat 1931. Nr. 31
Schulz, H: Alte ostpommersche Kunst. In: Ostpommersche Heimat 1933, Nr. 7 (mit Angaben über die Kirche in Vessin)
Ost-Dok. 1 Nr. 174, pag. 739-740

(Quelle: "Der Landkreis Stolp in Pommern" Zeugnisse seiner deutschen Vergangenheit von Karl-Heinz Pagel)

(Quelle: BBF / DIPF / Archiv, Sammlungen der Gutachterstelle des BIL. Lehrerkartei und Personalbögen.)